Streit ist Lust und nicht Last: Vorlesung mit Michel Friedman als Meister der journalistischen Streitkultur

Das Machtspiel zwischen Politik und Medien, wie sie sich brauchen und gegenseitig nutzen, veranschaulichte Michel Friedman mit bekannt provozierender Schärfe während einer spannenden Ringvorlesung der Rheinischen Fachhochschule Köln (RFH). Für den Print- und TV-Journalismus setzte er sich mit Leidenschaft für eine neue Streitkultur ohne falschverstandenem Respekt gegenüber Mandatsträgern ein.

Der Fachbereich Medienökonomie konnte als Gastredner für sein zusätzliches Vorlesungsangebot den eloquenten und als durchaus streitbar bekannten Medienprofi Michel Friedman gewinnen. Mehr als 400 Studierende und Gäste waren in die Kölner Wolkenburg gekommen, um den brillanten Rhetoriker Friedman zu hören, wie er mit Charme und Schärfe mit der deutschen Medienlandschaft hart ins Gericht ging: „Es ist ein Unding, wenn in deutschen Talkshows Gäste ständig mit Herr Minister und Frau Bundeskanzler hofiert werden. Das ist eine Suggestion der Macht, vor der ich nur warnen kann.“ Die Medienberichterstattung in Deutschland charakterisierte Friedman als ängstlich, verkrustet, langweilig und zudem als extrem autoritätshörig. Guter Journalismus müsse respektlos und provozierend sein. Der Journalist darf nicht zum Bittsteller der Macht verkommen, sondern soll als Anwalt des Bürgers agieren.

Seine fast einstündige Rede hielt Friedman ohne Manuskript oder Stichwortzettel. Nicht einmal gerät er ins Stocken, auch dann nicht, als er Medienvertretern schieren Zweckopportunismus vorwirft und daran erinnert, dass ihre Arbeit von einer besonderen gesellschaftlichen Verantwortung geprägt ist. Journalisten müssen sich als furchtlose Kämpfer verstehen. Sie dürfen sich nicht brav angepasst äußern, nur um bei den Mächtigen dabei sein zu dürfen oder um deren Gunst werben, damit sie zum nächsten Interviewtermin eingeladen werden.„Die hierzulande übliche Praxis, Interviewtexte im Nachhinein autorisieren zu lassen, ist eine große Schwachstelle des deutschen Journalismus“, beanstandete Friedman.

An die Zivilcourage seiner künftigen Medienkollegen von der Rheinischen Fachhochschule appellierte Friedman: „Mischen Sie sich ein. Seien Sie aufsässig. Unterbrechen Sie. Stellen Sie Fragen, so lange und so respektlos, bis sie eine zufrieden stellende Antwort erhalten“. Denn Journalisten haben die Aufgabe, die Politik an ihre Antwortpflicht gegenüber dem wählenden Volk zu erinnern. „Wir brauchen in Deutschland eine Streitkultur, in der Streit Lust und nicht Last ist in der Auseinandersetzung verschiedener Meinungen“.

Der TV-Moderator, Ex-Politiker und Rechtsanwalt gab auch eine Kostprobe, was er unter despektierlicher Streitbarkeit versteht, als er einem Frager, der sich während der Diskussionsrunde nicht namentlich vorgestellt hatte, schnittig ins Wort fiel:“Ich heiße Michel Friedman und wer sind Sie?“

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